Liebe - die stärkste Kraft

Eigentlich war sie schon immer da. Zuerst versteckt, zeigte sie sich ausschließlich in Situationen, wo sie auch angebracht schien. Aber im Laufe der Jahre nahm sie immer mehr Besitz von mir, bis sie schließlich mein Leben kontrollierte: die Angst!

Ich wurde schon in sie hinein geboren. Meine Eltern hatten mehrfach all ihr Hab und Gut verloren, mein Vater wurde politisch verfolgt, als ich vor mehr als 60 Jahren auf die Welt kam. Auf den alten Familienfotos ist es deutlich zu sehen, dass die Angst schon im Kleinkindalter da war. Ich versteckte mich hinter anderen Personen oder zumindest brauchte ich immer eine Hand zum Festhalten.

In der Schule wurde ich verprügelt von Mitschülern und vom Lehrer. Da wundert es doch niemanden, dass ich Angst davor hatte, in die Schule zu gehen! Aber niemand sah die Schweißausbrüche, hörte mein Herzklopfen, wenn ich einmal aufgerufen wurde, sah die Scham, weil ich einfach nicht antworten konnte, der Hals wie zugeschnürt war. Ich galt als schüchtern und dumm. Trotzdem schaffte ich irgendwie mein Abitur. Aber an der Uni wurde es noch schlimmer. Ich fand Ausreden und Tricks, um keine Referate halten zu müssen, sprach nie mit einem Dozenten oder Professor, kannte meine Kommilitonen nicht. Irgendwann schmiss ich das Studium.

Ich wurde berufstätig, war kompetent und souverän, geschätzt von Chefs und Kollegen.

Die Angst vergaß mich nicht.

Es folgten Eheschließung, mehrere Kinder - also eine arbeitsintensive Zeit. Von mir selbst unbemerkt, wurde ich immer weiter eingeschränkt. Gleichzeitig entwickelte ich eine Art Strategie, um mit meiner Schwäche nicht aufzufallen. Ich hatte Angst, mit dem Bus zu fahren oder mit der Bahn, also nahm ich das Auto. Ich hatte Angst, jemanden nach dem Weg zu fragen, also hatte ich Straßenkarten, schaute mir meine Route vor der Fahrt genau an. Trotzdem kam es vor, dass ich mein Ziel selbst nach Stunden des Umherirrens nicht fand. Ich konnte nicht mehr auf eine Leiter steigen oder eine Rolltreppe abwärtsfahren, also erfand ich Schwindelanfälle. Besonders schlimm war die Angst vor Menschen. Wenn ich aus dem Haus musste, stand ich vorher hinter der Gardine und beobachtete die Straße. Ich verließ erst dann das Haus, wenn ich sicher war, dass mir niemand begegnete. Mancher Einkauf war eine Qual, denn es konnte ja sein, dass mir jemand begegnete, der mich kannte und ein „Pläuschchen“ mit mir halten wollte. Gartenarbeit machte ich nur morgens zwischen 7 und 8 Uhr, da war die Wahrscheinlichkeit am geringsten, dass jemand am Haus vorbeikommt. Und falls doch, dann hat er es eilig auf dem Weg zu Arbeit oder Schule. Ich war nur einmal auf einem Elternabend, nie bei anderen Aktivitäten wie etwa Elternstammtisch oder Ausflüge.

Inzwischen war ich zum Glauben gekommen, hatte eine Freikirche gefunden. Ich war immer auf der Suche nach Schutz. Ich fand ihn nicht bei meinem Mann, nicht in der Gemeinde und auch nicht bei Gott.

Ich konnte nicht mehr zu Behörden gehen oder mit ihnen telefonieren. Ich wäre gerne wieder berufstätig geworden, aber die Vorstellung, ein Bewerbungsgespräch führen zu müssen, schreckte mich so, dass es nie wieder eines gab. Ich fuhr keine langen Strecken mehr mit dem Auto und traute mich auch nicht mehr in größere, unbekannte Ortschaften.

Eines Tages las ich in einer Zeitschrift über Helmut Bauer und die neue Bewegung WORT+GEIST. Es hörte sich alles sehr positiv an und ich wollte gerne einmal eine Bibelschule dort besuchen. Alleine ging das nicht. Ich hätte mich anmelden müssen per Internet – ich wusste ja gar nicht, wie das geht. Ich brauchte eine Unterkunft – dafür hätte ich telefonieren müssen, etwas buchen müssen. Ich war noch nie mit dem Auto im Bayerischen Wald. Wie sollte ich hinkommen? Für mich alleine undenkbar! Also gab ich meinem Mann den Zeitungsartikel. Er war auch sehr angesprochen und nun erledigte er alles für mich mit.

Die ersten drei Tage in der Bibelschule waren furchtbar. So viele Menschen! Und ich kannte niemanden! Ich wollte nur noch weg. Aber wie? Ich war eine Gefangene meiner Angst. Aber plötzlich erkannte ich: Das, was sie dort lehrten war genau das, was ich brauchte - die bedingungslose Liebe Gottes.

Ich hörte künftig jede Predigt von WORT+GEIST

Jeder Christ weiß, was das ist, bedingungslose Liebe. Wirklich? Ich glaubte, es zu wissen, und hatte keine Ahnung davon. Ich hörte künftig jede Predigt von WORT+GEIST, die herausgegeben wurde. Schließlich verließ ich meine freie Gemeinde und wechselte. Ich begriff, dass Gott mich liebt, ohne jede Bedingung. Ich musste und konnte sie mir nicht verdienen, konnte diese Liebe nicht verlieren, egal, was ich tat, was ich dachte, was ich zu verbergen versuchte oder vorspielte. Ich hörte von dieser Liebe, irgendwann glaubte ich, dass es sie gibt. Und seit einiger Zeit weiß ich, dass es so ist. Ich bin wirklich geliebt, ohne Forderung, ohne Erwartung, ohne Leistung. Und nicht nur das, ich habe diese Liebe auch in mir und kann sie weitergeben. Und das tue ich.

Und die Angst? Ich stellte eines Tages fest, dass einige meiner Ängste sang- und klanglos verschwunden sind. So steige ich jetzt auf Stühle und Leitern, fahre mit meinem Auto überall hin, wenn ich mich verfahren habe, frage ich nach dem Weg. Problemlos. Ja, ich genieße sogar ein Schwätzchen mit den Nachbarn. Vorbei das Lauern hinter der Gardine.

Andere Ängste habe ich bewusst beseitigt. So stand ich z.B. an der Rolltreppe und machte ganz gezielt und auch noch mit Angst den ersten Schritt. Unten angekommen genoss ich meinen Sieg! Ich fahre immer noch nicht gerne mit dem Bus, aber ich könnte es, wenn ich wollte. Den Besuch beim Finanzamt schiebe ich seit zwei Wochen vor mir her. Aber ich weiß, ich werde hingehen und auch diesen Sieg feiern.

Aber das Wichtigste für mich ist, dass ich jetzt auf andere Menschen zugehen kann und dass ich sie einfach liebhaben kann. Jetzt stehe ich nicht mehr unter der Herrschaft der Angst. Jetzt werde ich geleitet von dem, der mich freigemacht hat.

Ich danke Helmut Bauer, allen Leitern und Predigern bei WORT+GEIST und jedem dort, der ohne Vorbehalte auf mich zukam, mir Mut gemacht hat, mich einfach nur freundlich angesehen hat, mich akzeptiert hat... Jetzt endlich bin ich der, der ich wirklich bin. Und jetzt endlich lebe ich!

Jutta